Unter die Räuber gefallen

Reisebericht des hochwürdigen Paters Georg Zehetbauer – Teil 4

Kweiyang, den 3. April 1927

Meine Lieben

„Nun will der Lenz uns grüßen, von Mittag weht es lau; aus allen Ecken sprießen die Blümlein rot und blau!“

Drei MissionareDiese Verslein passen jetzt für den Einzug des Frühlings ins „blumige Reich der Mitte“; aber bis dieser Brief in Eure Hände kommt, ist es hier und bei Euch längst Sommer geworden. Da heißt es dann für Euch, von früh morgens bis zum späten Abend tüchtig zu schaffen, heimzuführen, was der Herbst und Frühjahr gesät haben. Da komme ich ja zu einer ganz ungelegenen Zeit, in der es viel zu „gnädig“ ist, wie Ihr sagt, um gemütlich plaudern zu können! Na, verschnaufts nur ein wenig und trocknet Euch den Schweiß von der Stirne! Hernach geht’s dann wieder besser voran! Unterdessen wollet im Geiste Euren China-Missionar folgen auf seiner Weiterreise durch das wildschöne Gebirgsland von Yunnan und Kweichow!

Oft und oft habe ich mich im Stillen gefragt, wie wir denn eigentlich mit unserem schweren Gepäck über das Gebirge kommen wollen und wie es uns auf dem dreiwöchentlichen Marsche ergehen mag! Aber jetzt, da wir unmittelbar vor der Abreise stehen und die letzten Vorbereitungen getroffen sind, schauen wir frohen Mutes in die Zukunft, bereit, allen kommenden Schwierigkeiten und Strapazen kühn zu trotzen. – Wie ich so auf meinem Zimmer sitze und noch einmal den 700 Kilometer langen Weg auf der Karte studiere, höre ich plötzlich ein lautes Stimmengewirr auf dem Hofe, dazwischen ein Klingen und Klimpern und Klirren, als ob es Geld regnen wollte. „Ach, das könnten wir brauchen auf der langen Wanderung! Will doch sehen, was es eigentlich gibt!“ Unsere Träger sind es, die eben einen Teil des Lohnes vorausbezahlt erhielten und nun auf dem Pflaster jede Münze prüfen, ob sie wirklich echt sei. Seht Euch nur diese braunen Gesellen an, schmutzig und in ein unbeschreibliches Wams gehüllt – der ärmste Bettler in Deutschland möchte es nicht geschenkt haben! Wie sie jetzt überall im Hofe herumhocken wie die Frösche und die Piaster anstarren, Stück für Stück auf den Stein werfen, drei-vier Mal, bis endlich die richtige Musik das Ohr des Prüfenden zufrieden stellt. Ein Bild ganz eigener Art, das ich später wiederholt in China gesehen habe. – Von den Trägern weg begebe ich mich sodann in den Gepäckraum, wo jetzt „all die Häupter unserer Lieben“ friedlich ruhen. Und da kommt – die hohe Behörde der Stadt und besieht sich die ganze Baggage, diesmal glücklicherweise nicht, um zu fordern, sondern, um gegebenenfalls Schaden-ersatz zu leisten, sollten die Räuber und Strauchdiebe uns auf dem Marsche ausplündern. Die Besichtigung dauert „begreiflicherweise“ nicht lange; viel genauer nehmen es die Träger. Die heben und wägen und wiegen, bis der Koffer in ihren Augen „schwerer“ geworden ist, als er es tatsächlich ist! Unter Schimpfen und Wettern geht es da nicht ab, und es braucht lange, bis die Koffer auf die Ochsenkarren verladen werden. So ein elender Karren mit zwei großen Holzscheiben als Räder wäre Euch sogar zum Mergelfahren zu schlecht! Das quietscht und quickst ja wie ein alter, ungeschmierter Zigeunerwagen! „Gute Reise nach Illeang! Ich werde Morgen mit dem Zug nachfahren! Nur nicht zu eilig, sonst komme ich zu spät oder – es passiert etwas!“ Was wir so täglich nötig haben, übergeben wir natürlich nicht den Ochsenkarren, es darf morgen mit uns die dreistündige Eisenbahnfahrt, so zum Beispiel die Lebensmittel, Kochtöpfe und Essgeschirre, Wäsche- und Toilettenartikel, das in ein Wachstuch eingerollte und mit Riemen zusammengefaltete Bett, sowie die Sänfte. Bei dem Worte „Sänfte“ denkt Ihr unwillkürlich an ein sanftes Wesen, an einen weich gepolsterten Lehnstuhl! Das dürft Ihr ruhig tun! In Wirklichkeit aber ist sie nur ein offener Kasten mit zwei Gucklöchern an der Seite, in dem der Reisende oft so hin und her gerüttelt wird, daß seine „innersten Angelegenheiten“ in Unordnung kommen! Ja, warum sich denn dann „zwischen Himmel und Erde auf und ab hopsend“, wochenlang „durch die Luft“ tragen zu lassen? Das läßt man sich höchstens gefallen, wenn man nicht mehr gehen und stehen kann, oder, wenn es gar schon mit einem dem Grabe entgegen geht! Euch ist das ein Rätsel. Mir ist es auch ein Rätsel gewesen bis zu dem Tage, da ich die chinesischen Wegverhältnisse kennen lernte. „Dieser Weg ist kein Weg! Wer es aber dennoch tut, zahlt zwei Mark und fließt in die Armenkasse!!“ (Zu lesen auf einer Flurtafel in „X-hausen!“ Anmerk. des Autors: Ortsname im Brief leider unleserlich). Hier in China muß es heißen: … „bricht Hals und Bein und kommt ins Grab!“ Ihr werdet schon ganz einsehen lernen, warum wir die Sänfte als Beförderungsmittel wählen, wenn ich später eingehend auf diese Gebirgspfade zu sprechen komme! –

Das Herz voll froher Hoffnung auf eine glückliche Reise, schieden wir am 13. Januar von der Mission. Die Eisenbahnfahrt nach Illeang, 70 bis 80 Kilometer östlich von Yunnanfon, brachte uns nichts Neues. Ich könnte höchstens erwähnen, daß wir mit einem Billet 3. Klasse im Wagen 1. Klasse fuhren, (unerhört!) aber nicht aus eigener Machtbefugnis, sonder auf die Bitte des Zugführers hin. (Noch unerhörter!) So etwas, glaube ich, kann nur in China vorkommen. Sobald wir in Illeang angekommen waren, suchten wir das „Hotel de la China“, die chinesische Herberge auf. Da gab es sofort tüchtig Arbeit für uns. Ihr schüttelt schon wieder den Kopf, weil Ihr meint, ein Hotelgast sei doch kein Dienstknecht! Ich will auch diesmal das Rätsel zu lösen suchen, möchte aber jetzt Euch ernstlich bitten, Eure europäischen Anschauungen eingraben zu wollen, sonst versteht Ihr mich nicht mehr! Aber, bitte, tief eingraben! Viel tiefer als jene Petroleumlampe damals bei der Einführungsfeier des elektrischen Lichtes in A.!! Das hätte man eigentlich nicht tun sollen, ich meine, die Lampe eingraben! Gerne hätte ich mir jene Lampe eingetauscht für so ein wehleidiges chinesisches Öllämpchen, das bei jedem Windhauch erlischt! Zum Glück hatten wir in der ganzen Karawane wenigstens zwei Sturmlaternen, nicht, weil wir China stürmen wollten, sondern weil der chinesische Sturm uns im Zimmer stürmen wollte, indem er durch große Spalten und Löcher, besonders durch das Fenster, hereinbrach! Nein, das sind keine Fenster, sondern nur mit etwas Papier verklebte Holzgitter. Mit meinen beiden Mänteln „bemäntelte“ und verhänge ich, so gut es geht, diese famosen Fenster, dann kann ich die eigentliche Arbeit beginnen! Das Nachtlager wird fertiggemacht, da muß vor allem zuerst das alte Bett, Stroh und Schmutz, von der Holzpritsche herunter, zu hinterst in die Ecke hinein, damit die „Zwick-Zwack-Käfer“, – wegen ihres zahlreichen Auftretens auch „chinesische Millionen“ genannt, – einen möglichst weiten Weg zu uns zu machen hätten! Aber, aber ..! „Den Schmutz soll man doch nicht entfernen, denn er bringt Glück!!? Und wir suchen ihm doch auch den Zutritt zu wehren, indem wir zur Vorsicht ein Wachstuch und dann einen Teppich auf die Pritsche legen! Jetzt erst getrauen wir uns, die Decken auszubreiten. Noch das Kopfkissen, ein kleines Säckchen voll Reisstroh, – das Lager ist bereitet! Während wir im Zimmer noch Ordnung schaffen, bringt man unten die Sänften herein und stellt sie zum übrigen Reisegepäck im Hofe, das schon etliche Stunden vor uns angekommen war. An Kisten und Koffern sind jetzt zwei Bambusstangen gebunden – alles ist reisefertig gemacht! Nach einer weiteren halben Stunde dürfen wir Schüssel und Teller auspacken – die beiden chinesischen Köche sind mit dem Reis- und Teekochen fertig. Das Abendessen findet vor unseren Zimmern statt, genauer gesagt, vor drei Meter hohen Bretterverschlägen. Der Tisch ist kaum 50 cm hoch, so daß die zahlreichen Zuschauer von Chinesen und Chineschen uns in die Töpfe gucken können. Auch die Soldaten, unsere Wache für die Nacht, schließt sich diesem neugierigen Publikum an. Nach dem Essen wünschen wir uns gegenseitig „Gute Nacht“. Der Chinese sagt hierfür: „Hast du schon deinen Abendreis gegessen“. Das haben wir mit gutem Appetit getan, so hoffen wir auch auf eine gute Nacht. Wir haben ja sogar eine Wache, die uns im Notfall mit Gewehr und Bajonett verteidigen wird! Warum aber verrammelt wohl unser Führer die Tür mit einer Bank und allen verfügbaren Stühlen?… Unnütze Arbeit? —

Als wir am anderen Morgen zum Aufbruche rüsten, schlafen unsere Soldaten den Schlaf des Gerechten. „Schlaft nur und ruht Euch aus. Ihr habt ja vor Mitternacht die Nachtwache gehabt und habt nach Mitternacht die Nachtwache gehabt!!“ (Beliebter Ausdruck meines alten Studienfreundes D.)’’ —– Im Hofe wird es immer lebhafter! Die Träger kommen und schaffen die Lasten auf die Straße. Aber, bis sich die Karawane geordnet hat und sich jeder mit seiner Last zufrieden gibt, vergeht noch eine Stunde Zeit. Erst gegen acht Uhr kann sich der Zug in Bewegung setzen: Etwa 60 Kisten- und Kofferträger, 14 Sänftenträger, eine Gruppe Soldaten und zwei Diener ziehen zum Tor hinaus, gegen Nordosten, Kweichow entgegen!

Gleich von Anfang an wurde mir „das Wohnen im Zelte“ gründlich verleidet; ob mit Absicht, weiß ich nicht. Jedenfalls hing meine Sänfte dauernd nach der linken Seite, und so sehr ich mich auch auf die rechte Seite hineindrückte, ich mußte stets befürchten, im nächsten Augenblick umgeworfen zu werden! An mir lag gewiß nicht die Schuld! Mir war ja so leicht ums Herz wie damals nach der chinesischen Zollgeschichte in Hokeou. Im nächsten Dorf setzte man mich mitten auf die Straße. Die ganze Bewohnerschaft, jung und alt, Männlein und Weiblein kommt herbei, reißt Augen und Mund auf und starrt in die Sänfte. Was tut man nicht alles in solch heikler Lage? Wartet nur ein wenig, ihr Chinesen! Es soll euch und mir nicht langweilig werden! Hu! Wie die Kleinen davon springen, wenn ich ein so wild-grimmiges Gesicht mache wie der bayerische Löwe, wie zutraulich sie sich wieder nähern, wenn ich lache wie’s Münchner Kindl! Jetzt ziehe ich mein Taschentuch heraus, ein den Chinesen unbekanntes Ding, und tu meinen Schneuzer hinein! „Ach schade um das schöne neue Tuch!“ ist auf allen Gesichtern zu lesen. – Später einmal habe ich auf andere Weise, ohne diesen Schnick-Schnack, meine Studien gemacht. Ich schließe ganz die Sänfte; nur meine langen Beine mit den Ledergamaschen strecke ich vorne heraus und lasse sie bewundern. Nein, diese Mienen, die ich durch das Guckloch sehen konnte, lassen sich nicht beschreiben! –

Durch den langen Aufenthalt im Dorfe kam ich stark „ins Hintertreffen“. Um die Karawane wieder zu erreichen, marschierte ich ein gutes Stück; erst vor einem größeren Berg holte ich sie ein. Eine kleine Rast, dann begann der mühsame Aufstieg. Die Sänftenträger schauten uns groß an, als wir von unserem Rechte keinen Gebrauch machten, und Dank und Zufriedenheit blickte aus ihren Augen. Für die übrigen Träger aber wartete harte Arbeit. Keuchend, im Schweiß gebadet, schleppten sie ihre Last vielleicht hundert Meter empor, dann mußte wieder gerastet werden. Mit neuer Kraft ging es weiter, den steilen Gebirgspfad hinan, bis die Höhe erreicht war. Und dann? Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Träger jetzt geheult hätten wie ein Till Eulenspiegel: Der Weg führte ebenso steil wieder abwärts! Und drüben kam der zweite Berg, dann ein dritter! (Das war für den heutigen Tag der letzte!) Heiß brannte vom Himmel die Sonne und ein trockener Wind fegte über die Wege und trieb uns den Lehmstaub ins Gesicht. Bald konnten wir uns „zur gelben Rasse“ rechnen! Nur die Schlitzäuglein fehlten uns noch, was wir ja in diesem Falle einfach bedauern mußten! „Wie weit noch zum nächsten Dorf, wo wir Mittag machen wollen?“ Hunger und Durst waren längst da, und müde genug waren wir auch. Aber erst gegen zwei Uhr kam die langersehnte Erquickung. Der Weitermarsch erfolgte nach einer Stunde. Doch diese Zeit war keines Wegs verloren, denn nun ging es mit Riesenschritten voran. Zehn Li (= 6,440 Kilometer) in der Stunde, ich