Von Genua nach Honkong: 40 Tage Seereise

Reisebericht des hochwürdigen Paters Georg Zehetbauer – Teil 2

Yunnan – fou, den 4. Januar 1927                                   II. Teil

Meine Lieben!

„Drei große Gedankenstriche“ – dann schloß der erste Teil meines Berichtes. Natürlich haben sie ihre literarische Bedeutung! Hier drücken sie die Gedanken aus, die sich Leser oder Schreiber gemacht haben, als sie den Brief weggelegt hatten.

Erster Gedankenstrich, ein Gedanke von Euch: „Das hat er doch nicht alles am 31. Dezember geschrieben!“ Gut geraten! Zweiter Gedankenstrich, noch ein Gedanke von Euch! „Wenn er über etliche Tage Landreise schon soviel zu schreiben gewußt hat, dann wird die 40tägige Seereise ja ein ganzes Buch ausfüllen!“ Schlecht getroffen! Denn wisst: der dritte Gedankenstrich enthält eine ernste Mahnung für mich; ich denke, wenn ich weiterhin so ausführlich schreiben werde, dann wird das neue Jahr alt, bis ich mit dem Bericht fertig werde.
Also, etwas kürzer! Weg mit dem Tagebuch! Nur das beschreiben, was noch am Gedächtnishaken hängt! „Da kommen wir auf unsere Rechnung“, denkt Ihr, „denn ein G’studierter muß ein gutes Gedächtnis haben!“ Wir werden ja sehen!
Das sind die drei Gedankenstriche! Wenn sie recht haben, werde ich meine späteren Berichte nur mit Gedankenstrichen schreiben. Nichts einfacher als das!

Beim Durchlesen meines Berichtes habt ihr vielleicht den Atlas zur Hand genommen, um die Reise besser verfolgen zu können. Legt ihn jetzt nur ruhig weg! Nehmt lieber Hoffmanns-Tropfen oder Karmeliter-Geist, denn das Kapitel, über das ich nun schreibe, erfordert einen guten Magen und starke Nerven.

  „Die Seekrankheit“

Zur Beruhigung derer, die einmal eine Seereise machen wollen, sei gesagt, daß es dabei nicht bis zum Sterben kommt, wenn einem auch ganz ster-benselend zu Mute werden kann. Damit ich mit den Doktoren nicht in Konflikt komme, will ich nicht sagen, ob es wirksame Mittel dagegen gebe. Mir hat man angeraten, tüchtig essen, damit der Magen erbrechen könne! (Schlimm genug!) Wenig essen oder gar nichts bei der Ausreise, um nicht brechen zu müssen! (Noch schlimmer!). Geistige Getränke zu nehmen, dann werde man seefest! (Wird man nicht schon durch das Hin- und Herschaukeln des Schiffes schwindelig genug?). Ein Philosoph, (zu deutsch: ein Weltweiser)) meinte, man solle sich bei hohem Wellengang flach hinlegen, tief einatmen, wenn es in die Tiefe sinkt! (Das soll mir jemand vormachen und das Atmen tagelang nach der Laune des Windes einstellen!). Auch medizinische Mittel gibt es genug. Ich glaube aber, daß ich entweder das unrichtige erwischt, oder das Richtige falsch angewendet habe. Damit wißt Ihr genug! – (Gedankenstrich)

Es ist Sonntagmorgen, der 31. Oktober. Die erste Nacht im Dampfer vorüber. Ich stelle aber ganz enttäuscht fest, daß wir noch immer im Hafen festsitzen. Wir lesen dann auf unserem Tragaltar die heilige Messe, der nur wenige beiwohnen, da fast alle Passagiere protestantisch sind, andere sich zum Neuheidentum bekennen. Endlich, nach einer Stunde, läßt die „York“ ein dreimaliges langes Tuten ertönen, das Zeichen baldiger Ausfahrt. Die Brücke, die uns noch mit dem Festland verbindet, wird abgebrochen, der Anker gelichtet, die schweren Schiffstaue werden eingezogen – ein letztes Tuten, dann ein Zittern durch das ganze Schiff – jetzt geht`s wirklich los. Mich hält’s nicht länger mehr im Speisesaal, ich muß auf’s Deck, diesen wichtigen Augenblick zu erleben. So denken die meisten und darum ist es oben bald voll von Menschen – die einen in freudiger Erwartung, schwatzend und lachend (warum auch nicht?), die anderen still in einer Ecke, ab und zu ein salziges Zährlein sich aus den Augen wischend (warum auch nicht?) –

Der Sturmwind fährt in  die See…

Bald ändert sich das Bild. Wir kommen aus dem ruhigen Hafen in die offene See hinaus. Und jetzt scheint es, als ob alle Winde hier zusammengekommen wären, um die Gewalten des Meeres zu entfesseln. Der Sturmwind fährt in die See und jagt Welle um Welle, peitscht sie empor und läßt sie wieder kraftlos niederfallen. Das Schiff ist dem Sturm gewachsen; es läßt sich ruhig wie ein Kind, das gerne geschaukelt werden will, emporheben und dann wieder heruntergleiten. Nicht so die Mehrzahl der Passagiere. In ihnen scheint sich der „innere Mensch“ wider die höhere Vernunft empört zu haben. Schreckensbleich lehnen sie an der Schiffsplanke und bringen den Meeresgöttern das Versöhnungsopfer dar. Was haben wir im Felde immer gesungen? „Es steht der Mann so fest wie eine Eiche“ oder: „Haltet aus im Sturmgebraus!“ Warum auch nicht?

Ich habe doch Medizin genommen und zwar eine von der neuesten Sorte!! Nach einer Stunde kann ich das Elend auf dem Deck nicht mehr ansehen – ich schleiche mich in die Kabine und – zahle meinen Tribut im Verborgenen. Mitten im Elend kommt mein Freund A. und – tut dasselbe aus Sympathie. Wo bleibt der Dritte im Bunde? Aha, der hat das richtige Mittel erwischt: Seeluft ist das Beste gegen Seekrankheit! Doch, „Da drinnen wohnt das Grauen!“ Aber, den ich im Stillen schon bewundert hatte, er kommt doch und „wird schwach mit den Schwachen“. Erst unter Aufbietung aller Kräfte gelingt es ihm, das zweite Stockwerk, seine Lagerstätte, zu erreichen.

Die „York“

Waren es auch schwere Stunden und Tage, die wir durchzumachen hatten, es fehlte doch nicht der Humor. „Nun sind wir versammelt zu fröhlichem Tun“, heißt es in einem Studentenlied. Und wurde es gar zu arg, dann intonierte einer: „Es kann ja nicht immer so bleiben, hier unter dem wechselnden Mond!“ Gott Lob, es blieb auch nicht immer so. Nach zwei Tagen wurde das Meer ruhiger und damit trat auch allmähliche Ruhe ein in den Gemütern der Passagiere. Als wir in die Straße von Messina einfuhren – rechts die neu erbaute Stadt, links das steile Ufer Italiens – da hatte ich wieder Interesse an der Seefahrt und an das, was sich meinen Augen Neues zeigte. Auf der Weiterfahrt durchs Mittelländische Meer (=Mittelmeer), das einst ein hl. Paulus auf seiner Missionsreise durchsegelt hatte, sah ich außer der Südspitze Griechenlands und Kreta nichts als Himmel und Wasser. Darum will ich Euch jetzt ein wenig das Schiff zeigen und die Leute, die mit ihm in die Fremde wollen. Wenn ich Euch nur schreibe: Die „York“ hat 10.000 Bruttoregistertonnen, so ist Euch damit wenig gedient. Stellt Euch am besten ein Haus vor, das 120 m lang und 15 m breit ist und vielleicht acht bis zehn Meter in die Höhe ragt. Wie tief die „York“ im Wasser steckte, habe ich natürlich nicht sehen können! Der unterste Teil des Schiffes enthält die Dampfmaschinen, Eisma-schinen und Destillationsapparate (für Süßwasserherstellung), endlich Kohlen, Lebensmittel- und Warenräume. Es folgen dann zwei Etagen, die hauptsächlich Kabinen für Passagiere und Schiffspersonal enthalten, endlich Deck und Oberdeck. Speisesaal, Spiel- und Erholungssaal sind je nach Klasse verschieden eingebaut.

Am schönsten ist es wohl auf dem Deck; dort hat jeder Passagier seinen Stuhl, auf dem er sich weder der Ruhe, noch weniger dem Studium hingeben kann. Es ist zuviel Leben auf der Deck. Besonders die Kinder schreien und lärmen und springen umher, als ob sie zu Hause auf der Gasse wären. Hätte ich nur gedurft … Ein lustiger Skat oder Schafkopf hilft dann am besten, oder man nimmt zum Schachturmer seine Zuflucht. Es ist doch interessant, sich mit Gegnern aller möglichen Nationen schlagen zu können! Unter den 200 Passagieren sind wohl die Mehrzahl Deutsche. Dann sind noch vertreten die Holländer, Engländer, Franzosen, Russen und Italiener, die Singalesen, Chinesen, Japanesen und, was weiß ich, wer noch alles! Da kramt man seine ganzen Sprachkenntnisse aus und merkt nur allzubald, daß man nichts versteht, wenn’s der andere nicht will. Tut nichts! Es soll wohl auch auf internationalen Konferenzen öfters vorkommen! Wessen Standes die vielen Passagiere sind, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch werde ich kaum fehlgehen, wenn ich – die 20 katholischen und die 10 protestantischen Missionare ausgenommen – die meisten dem Kaufmannsstande angehören lasse. Alle wollen ihr Glück draußen in der Fremde machen – wir katholischen Missionare doch auch und glaube, bei uns kann es einfach nicht schief gehen, mag da kommen, was will!

Afrika in Sicht – der Suezkanal

Nehmt den Atlas wieder zur Hand! Wir kommen nach Afrika, nach Port Said, am Eingange des Suez-Kanals gelegen!

Als wir am Morgen des 5. Novembers in den Hafen einfahren, herrscht allenthalben beste Stimmung; alle sind froh, bald wieder festen Boden unter ihren Füßen zu haben; die Musik an Bord spielt die schönsten Märsche und Lieder, um die freudige Stimmung der Passagiere noch zu erhöhen. Welch’ reges Leben im Hafen! Da eine Menge Segelboote, die zum Fischen rausfahren, dort einige größere Dampfer, davor Kohlenkutter, auf denen Schwarze in der ärgsten Hitze arbeiten, hier wieder Motorbötchen und schwankende Kähne mit denen die Neger unserem Schiffe zusteuern. Jetzt sind sie da, im Nu an Bord, und schon beginnen sie zu handeln und zu feilschen und ihre Waren den Passagieren aufzunötigen. Wir schließen Luken und Türe der Kabine, und dann hinein in ein Boot, um diesen Bären zu entkommen.

Was ist das? Hinter dem Boot ruft es auf einmal aus dem Wasser: „A Grosch’n, a Grosch’n!“ Ich schaue um und sehe so einen schwarzen Bengel, wie er die Reisenden um ein Geldstück anbettelt. Wirft man ihm einen Groschen ins Meer, flugs taucht er unter, zeigt ihn dann lachend den Zuschauern, läßt ihn im Munde verschwinden und von neuem beginnt er das Theater! – Schade, daß ich den weißen Anzug nicht angelegt habe! Die Sonne brennt unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herab, ärger wie zu Hause im Hochsommer. Aber ein Tropenhut wird sofort gekauft, der gegen das Schlimmste schützt. Wie wir das Kaufhaus verlassen, folgen uns wieder die Neger und bestürmen uns, ihre Waren zu kaufen: Karten, Zeitungen, alte Briefmarken, Perlen, Muscheln, Halsketten, Ohrringe und allen möglichen Schund. „Va-t-en! Go away!“

Port Said

Nein, diese milde Sprache verstehen diese Menschen nicht, da muß man schon, wie man auf bayrisch sagt, saugrob werden und die Ellenbogen zu Hilfe nehmen. Wir flüchten in ein Gasthaus, dort Grüße in die Heimat zu senden. Kaum zum Aushalten vor Lärm und Schreien der Musik. Und dann wieder diese unerhörte Aufdringlichkeit! Nur in Colomba auf Ceylon habe ich später Ähnliches erlebt. Draußen winken wir einem „alten Knaben“, der auf einem wackeligen Gefährt sitzt mit ein paar dürren Gäulen davor, uns in die Stadt zu führen. Bald kommt ein anderer Araber in feiner Kutsche dahergefahren und schimpft auf unseren Führer ein in allen Tonarten – aus reinem Brotneid. Uns kann es gleich bleiben, auf welchem Wagen wir sitzen, wenn wir nur ohne Schaden in die Stadt kommen. Recht viel ist ja nicht zu sehen in Port Said. Das schönste ist wohl die griechisch orthodoxe Kirche, die erst im letzten Jahrzehnt erbaut worden ist. Auch an der Moschee kommen wir vorbei. Vor ihr liegen die Mohammedaner, das Gesicht zur Sonne gewendet, und verrichten ihre Gebete. Wie wir das schmutzige Araberviertel durchfahren, halte ich oft den Atem an und halte zur Vorsicht das Taschentuch unter die Nase. Als wir dann wieder zum Hafen kommen, steige ich ebenso freudig wieder ins Boot als vorhin, da ich die Stadt betreten wollte. Vier Stunden in Afrika – ich hatte genug gesehen.

II.

Der Suez-Kanal, vom Franzosen Lessep erbaut, ist 87 km lang. Welch Riesenarbeit ist da nicht geleistet worden und muß zum Teil noch geleistet werden um den Kanal durch stetes Ausbaggern von Sand schiffbar zu halten. Darum auch die hohe Kanalsteuer, die für die „York“ mindestens 10.000 Mark betragen haben mag. Die Schiffe haben alle ganz langsam zu fahren, um keine größeren Wellen zu erzeugen, auf daß die Kanalwände nicht beschädigt werden. Ferner muß jedes Schiff bei der Ausreise sooft halten, als ein anderes heimkehrendes Schiff vorbeifahren will. Einfach langweilig, zumal auch die Gegend wenig Interessantes bietet. Am linken Kanalufer die Bahn nach Suez, ab und zu kleine Waldungen und einfach gebaute Häuser – sonst nichts wie Sand, soweit das Auge reicht

Das Rote Meer

Hinter Suez verlassen wir den Kanal, wir fahren ins Rote Meer hinein. Übrigens, warum es diesen Namen führt, ist mir nicht recht klar geworden. Vielleicht, weil bei untergehender Sonne die Berge rot leuchten und diese dann von ihrer Glut dem Wasser mitteilen. Es ist etwas Großartiges und Wundervolles, so ein Sonnenuntergang auf dem Meere. Aber noch größeren Eindruck machte auf mich – wir waren bei Tag am Sinai vorbeigefahren – ein heftiges Gewitter in dunkler Nacht. Von allen Seiten flammte es auf, als ob der ganze Himmel ein Feuer wäre; das Rollen des Donners und das Rauschen des Meeres gaben die Musik zu diesem schaurig-schönen Schauspiel der Natur.

Es ist kein Wunder, wenn hier die Atmosphäre in so heftiger Weise ihren Ausgleich sucht, denn gerade im Roten Meere herrscht durchweg eine drückende Hitze und Schwüle. Da konnte man schon am Morgen kostenlos Schwitzbäder nehmen! In der Kabine 30°C, auf Deck wird es nicht viel anders gewesen sein. Und doch sagte mir ein alter Missionar, wir könnten von Glück reden. Als er heimwärts gefahren sei, sei es viel schlimmer gewesen; vier Passagiere seien vor Hitze gestorben. Da gab ich mich ganz zufrieden und – schwitzte weiter. –

In Perim, so ziemlich am Ausgange des Roten Meeres, mußte unser Dampfer landen, um Kohlen aufzunehmen. Ein größeres Motorboot schleppte zwei Kohlenkutter herbei, auf dem ein paar Hundert Neger waren. Bei der „York“ angekommen, riefen die Schwarzen wie aus einem Munde beständig: „O’ho, o’ho“, indem sie dabei die Hände falteten und etwas in die Höhe sprangen. Es war ein Betteln um Lebensmittel: Warfen dann die Passagiere etwas auf den Kutter, so stürzte sich alles auf die Gabe, und glücklich der, welcher sie zuerst aus den Kohlen herausgewühlt hatte. Arme Menschen, wie sehr seid ihr zu bedauern! –

Hinein in den Stillen Ozean

Wenn ein Schiff Kohlen aufnimmt, tut man am besten, an’s Land zu gehen. Türen und Fenster werden geschlossen, damit der Kohlenstaub nicht hineindringe. So hat man die Wahl, sich im geschlossenen Raum braten oder auf Deck sich „selchen“ zu lassen. Ein Salesianer im weißen Tropenanzug zog letzteres vor. Er sah bald aus, als ob er Kaminkehrer gespielt hätte. Darob natürlich große Freude in der ganzen Klerisei! Richtig! fast alle Passagiere, wir Missionare auch, wollten ans Land und dort den Tag verbringen. Als sie das Meer und die hohen Wellen sahen, fürchteten sie sich sehr. Die kleinen Boote, die uns ans Land bringen sollten, wurden derart hin und hergeworfen, daß wir lieber den Ausflug ins Wasser fallen ließen, als wir uns hineinwerfen lassen. So dachten ungefähr alle. Und alle waren herzlich froh, als am Abend beide Decks und was auf ihnen war, mit viel Wasser überschwemmt wurde und das Schiff dem ‚Stillen Ozean’ zufuhr.
Ein recht unruhiger Patron ist er, dieser „Stille Ozean“, der seinen trostverkündenden Namen gewiß nicht mit Recht trägt.

“Da tut man mir unrecht“, meint daraufhin der greise Vater. „Wenn ich mich damals bei der Durchfahrt der ‚York’ wild gebärdete, so kam das daher, daß ein Taifun (Orkan) mich so in Aufregung versetzte. Der allein hat die ganze Schuld!“
Die „York“ hat es vermieden, dem Taifun nahezukommen und sich mit ihm herumzuschlagen, sondern nahm, durch Radio rechtzeitig gewarnt, einen anderen Kurs ein. Die Ausläufer des Sturmes machten dem Schiffe noch genug zu schaffen; viele von den Passagieren waren für ein bis zwei Tage weder im Speisesaal noch auf Deck zu sehen – wieder seekrank.

Fast acht Tage lang nur Himmel und Wasser! Nette Aussichten für den, der sich nicht ganz seefest fühlt. Musik, Gesang und Spiel halfen über die größte Langeweile hinweg. Eine willkommene Abwechslung boten uns auch die etwa 20 Singalesen an Bord. Durch ihre einheimischen Tänze, durch Zauber und verblüffende Kunststücke verschafften sie uns ein paar schöne Stunden. Ihr hättet diese Menschen beim Essen sehen sollen! Bevor sie sich dazu anschickten, reinigten sie sich die Zähne mit Asche. Dann kitzelten sie sich so lange am Gaumen, bis der letzte Rest von Speise oder Galle aus dem Magen war. Daraufhin noch mal den Mund gespült, die Hände gewaschen – das Essen kann beginnen. Jeder greift in die gemeinsame Schüssel, nimmt Reis oder so etwas ähnliches heraus, – macht daraus einen kleinen Knödel und zielt dann kunstgerecht mit ihm in den Mund. Das alles geht so fix, sage ich Euch, daß Ihr Euch anstrengen müßtet, auf Eure Rechnung zu kommen. –  

Zauberhaftes Colombo

In Colombo, in dessen Hafen die „York“ am 18. November einlief, stiegen die Singalesen aus. Auch andere Passagiere, darunter mehrere protestantische Missionare, verließen für immer das Schiff. Und wir? Wir hatten kaum die Hälfte der Seefahrt hinter uns! Nur Geduld! Wir kommen auch noch ans Ziel. Jetzt hinein in die Stadt, die Wunderwelt Ceylon geschaut. Vielleicht sind wir hernach wieder gerne an Bord.

Colombo mußte ja einfach herzlich sein, soviel hatte man uns von deren Schönheit erzählt. In der Tat! Unsere Phantasie hatte sich diese Tropenstadt nicht zu schön vorgestellt. Die Stadt, ziemlich modern gebaut, ist wie in einem Garten von Kokospalmen, Bananen- und Mangobäumen und anderem hochragenden Gewächs eingebettet. Vergebens habe ich mich bemüht, einen richtigen Überblick über die Stadt zu gewinnen: Die Üppigkeit und Mannigfaltigkeit der Tropenwelt läßt das Häusermeer ganz verschwinden. Nach vier Stunden hatten wir so ziemlich alle Sehenswürdigkeiten der Stadt besucht – den Brahmanen Tempel allerdings durften wir nicht betreten, weil wir die Schuhe nicht ausziehen wollten; aber wir sahen von außen schon genug! –

Von Port Said erzählte ich besonders von der unverschämten Aufdringlichkeit der Eingeborenen; Hier ist es wenigstens ebenso schlimm damit bestellt. Dort suchte man unsere Aufmerksamkeit durch schöne Titulationen wie: „Herr Baron, Herr Professor“ zu gewinnen, hier zeigten diese Kerls Medaillen und Rosenkränze und priesen sich als Katholiken. Aber gekauft habe ich nichts. Was tue ich auch mit kleinen, elfenbeinernen Elephanten oder Götterstatuen?

Weiter ging die Fahrt nach Osten. Wir waren nach Berliner Zeit schon um volle vier Stunden voraus, und noch immer mußten wir jeden Morgen unsere Uhr um eine halbe Stunde nachrücken.

Nach etwa vier Tagen landete die „York“ in Sabang, einer kleinen Insel nördlich von Sumatra, um noch mal Kohlen aufzunehmen. Diesmal konnten wir ungehindert an Land gehen.

Hier, wie überhaupt auf ganz Sumatra sind sehr viel Chinesen – auf mich haben sie den denkbar günstigsten Eindruck damals gemacht. Nur scheint bei ihnen die Sauberkeit nicht ganz zu Hause zu sein.

In der Straße von Malakka

Die schönsten Stunden der Seefahrt habe ich erlebt, als der Dampfer durch die Straße von Malakka fuhr: Herrliches Wetter, ganz ruhige See (für mich die Hauptsache!) und stets Land in Sicht, bald Sumatra mit seinen Vulkanen, bald der südliche Teil des asiatischen Festlandes. In den Gewässern vor Singapore konnte man viele Haifische sehen. Einmal wollten sich etliche Passagiere das Vergnügen machen, so ein Ungeheuer zu ködern. Eine starke Angel wird verfertigt und an einem Strick festgemacht. Richtig! Zweimal schnupperte ein Hai danach – und biß den Strick ab. Na, es gibt doch noch gescheite Leute auf der Welt! –

Wie wir Singapore anfuhren, wollte ich gerne meinen neuen Photographen-Apparat probieren – der gute Pater Provinzial von Salzburg hatte ihn mir beim Abschied gegeben. Aber da hieß es auf einmal: Jedwedes Photographieren am Hafen und in der Stadt ist strengstens verboten! Aha, die Engländer, die diesen von der Natur so geschützten Hafen innehaben, befürchten Sabotage, da wollte ich lieber auf ein Souvena verzichten, als hinter Schloß und Riegel gesetzt zu werden. –

Die Reiseroute ändert sich

Singapore bedeutete für uns einen Wendepunkt in der Reise. Nicht so sehr, weil sich von jetzt ab die „York“ nördlich wenden sollte – wir waren fast an den Äquator gekommen – sondern, weil wir hier veranlaßt wurden, unseren Reiseweg zu ändern. Um darin ganz sicher zu sein, fragten wir später telephonisch in Hongkong an. Die Antwort war sofort da: Nicht in Schanghai aussteigen, sondern schon in Hongkong. Diese wenigen Worte hatten für uns die größte Bedeutung. –

Wie ich beim Abschiede von der Heimat bemerkt hatte, sollte Schanghai das Endziel unserer Seefahrt sein, von da aus sollte es den Jang-he-Kiang (= Jang-tse-Kiang) hinaufgehen – 14 Tage Flußfahrt und dann in 14 tägiger Landreise nach Kweipang, unserem Bestimmungsorte.

Der Krieg im Norden Chinas hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. An ein Durchkommen in jenem Gebiete ist nicht zu denken. Nun, dann müssen wir halt vom Süden aus unser Ziel zu erreichen suchen! So dachten wir und trafen alle Anstalten, für das Aussteigen in Hongkong gerüstet zu sein. Vom Gepäckmeister zum Zahlmeister und anderen Meistern des Schiffes – alles in Ordnung!

Abschied von der „York“

Von Singapore habe ich Euch weiter nichts erzählt, obwohl ich dort recht Schönes gesehen und erlebt habe vor allem bei den blühenden Missionen der Franzosen und Portugiesen. Ich will darum von Hongkong etwas mehr berichten.
Am 2. Dezember verließen wir für immer in Hongkong die „York“. Es ist mir etwas schwer gefallen, den letzten Rest deutschen Bodens zu verlassen. Ja, nun waren wir wirklich in der Fremde. Überall fremde Leute, ein buntes Sprachengewirr, nur nicht die vertrauten klänge der Muttersprache. Doch wir hatten keine Zeit, den Stimmungen des Herzens nachzugeben. Schon wartete auf mich ein französischer Pater, der für unsere Weiterreise zu sorgen hatte. Also, ein schnelles Abschied nehmen von Passagieren und Schiff – dann frischen Mutes den Fuß auf chinesischen Boden gesetzt! Was nun folgte, war ein rastloses Hin- und Herrennen in der Stadt, von „Pontius zu Pilatus“ wie man sagt. Zuerst zum französischen Konsul, der uns die Einreiseerlaubnis in französisches Anuam (Anmerkung des Autors: an dieser Stelle ist der Brief leider nicht leserlich) verschaffte – dies Gebiet mußten wir nach unserem neuen Plan durchqueren – dann zu einer englischen Schiffahrtsgesellschaft, wo wir für teures Geld uns die Billette nach Haiphong in Tonkin im Süden von China verschafften.

Schutz vor Seeräubern

Als wir mittags bei den französischen Patres anlangten, waren wir todmüde. Und am nächsten Tage sollte es schon wieder weitergehen! Das leuchtete mir am wenigsten ein. Es ließ sich nicht ändern. Die „Ming Sang“, unser Schiff nach Haiphong, fuhr schon am anderen Morgen ab – wir waren pünktlich an Bord. Gerne hätte ich mir die einzig schöne Stadt besser angeschaut – leider fehlte die Zeit. Wir fuhren also wieder nach Süden – nochmal durch das chinesische Meer. Ich hatte eigentlich ein wenig Angst, mit so einem kleinen Dampfer durch das stets bewegte chinesische Meer zu fahren – nicht, weil’s vielleicht ein Unglück geben könnte, nein, wegen der Seekrankheit. Und siehe da! Obwohl es stürmisch war, ist keiner von uns krank geworden – wir waren seefest. Wir hatten es gut auf der „Ming Sang“.

Es fehlte an nichts, sogar bewacht wurden wir von Soldaten, damit uns die Seeräuber nichts anhaben sollten. Das ist kein Spaß! Wenige Wochen vorher erging es einem anderen Schiff, das denselben Weg nahm, sehr übel. Seeräuber hatten sich als Passagiere ausgegeben, dann auf offener See Kapitän und Offiziere ermordet, die übrigen in die Kabine gesperrt, daraufhin das Schiff ausgeraubt! Wir waren eigentlich nur wenig Passagiere – die drei Missionare, zwei Engländer, ein Franzose, eine Japanerin und etwa 100 Chinesen, die aber auf Mitteldeck schliefen. Die „blinden Passagiere“, die sich in meiner Kabine recht unangenehm bemerkbar machten, standen nicht auf der Schiffsliste! – Interessant war es für uns Deutsche, an manchen Stellen des Schiffes, auch am Eßbesteck festzustellen, daß die „Ming Sang“ früher deutsch gewesen ist. Unsere Wahrnehmung bestätigte mir der 2. Ingenieur des Schiffes, ein Katholik und Irländer, der auch sagte, im Kriege sei die „Ming Sang“ in Singapore „requiriert“ worden!

Die Fahrt war sehr abwechslungsreich. An vielen Inseln und Inselchen fuhren wir vorbei, so auch an Sankian, wo der hl. Franz Xaver, der Apostel Indiens, sein tatenreiches Leben beschlossen hatte.

Ende der Seereise

Der 5. Dezember ist für uns drei China Missionare ein wichtiger Tag: Wir beschlossen unsere Seereise, die volle fünf Wochen gedauert hatte. Mehr als 15.000 km hatten wir hinter uns – noch immer nicht am Ziel?

Nein, noch hatten wir einen weiten Weg zurückzulegen, der schwierigste Teil unserer Reise in die Mission stand uns noch bevor. Wie mochte es uns wohl ergehen, – Meine Lieben! Die Antwort könnte ich zum Teil schon geben, wir sind bereits ein gutes Stück unserem Endziel näher gekommen, wir sind in Junnan Fou, etwa 900 km von der Küste entfernt. Aber ich will vorläufig meinen Bericht schließen. Bin ich nach einer weiteren Landreise von drei Wochen in Kwei-yang angekommen, dann soll der Bericht zu Ende geführt werden. Soviel ich gestern erfahren habe, wird die Weiterreise schon in den nächsten Tagen erfolgen. Ich bitte Euch alle um Euer Gebet beim lieben Gott, daß er uns Missionare auch weiterhin schütze und unser fernes Wirken segnen möge. – Und jetzt Euch und allen lieben Wohltätern und Bekannten nochmal meine herzlichsten Grüße. Wenn der liebe Gott ab und zu ein Opfer verlangt von seinem Missionar, dann darf’s mir nicht schwer fallen. – Gott segne Euch alle!

Nun eile, Brieflein! Nimm den kürzesten Weg und bringe viel Freude in die liebe Heimat! Und mögen bald ebenso viele Grüße zurückkommen an den China Missionar in Kwei Yang.

Junnan-fou, den 9. Jänner 1927

                                                       P. G. Zehetbauer   M.S.C.
                                                           Mission catholique
                                                        Kwei-yang
                                                                         Kwei-chow-China

                                                           Via Tonkin-Junnan


Reisebericht des hochwürdigen Paters Georg Zehetbauer

Unter die Räuber gefallen – Fortsetzung Teil 4
Epilog