Zwischenstation: Fünf Wochen in Yunnanfon

Reisebericht des hochwürdigen Paters Georg Zehetbauer – Teil 3

Kweiyang, den 18. Februar 1927

Meine Lieben!

„Endlich, endlich am Ziel! Ein frohes Deo gratias“, daß wir eine so lange und schwierige Reise hinter uns haben! So ähnlich schrieb ich vor 14 Tagen ins Lieferinger Kloster. Heute sollt auch Ihr diese freudige Nachricht erhalten. Mehr noch! Ihr sollt wissen, wie es uns drei China Missionaren auf der Wanderung nach unserem Bestimmungsorte, Kweiyang, ergangen ist. Und habt Ihr den Bericht zu Ende gelesen, so werdet Ihr dasselbe tun wie wir: Ihr werdet dem lieben Gott danken für den besonderen Schutz, den er seinen Missionaren gewährt hat. Doch jetzt nur keine Angst, als hätten wir allerlei schlimme Abenteuer erlebt! Und sollte auch manches Erlebnis ein wenig abenteuerlich ausschauen: Jetzt, da Ihr den Bericht lest, ist ja alles, alles längst vorüber, und ich sitze wohl geborgen auf der großen Missionsstation von Kweiyang, in der Hauptstadt von Kweichow!

Nichtwahr, in meinem letzten Berichte habe ich Euch am Meeresstrande von Haiphong stehen lassen! Und zwar mehr denn sechs Wochen! Das ist nicht nobel von mir, denn in Haiphong und Umgebung ist es das ganze Jahr hindurch recht feucht, Malaria und andere Tropenfieber sind dort zu Hause. Aber konnte ich denn wissen, daß Ihr mir bis zum wilden Westen von Yunnan, ja selbst bis ins ferne Kweichow folgen wolltet? Der Weg dorthin ist weit, ich fürchte, Euch mit meinem Berichte zu ermüden. Macht aber nichts! Wir Missionare sind auch müde geworden auf diesem 1.600 km langen Weg. Ihr braucht aber durchaus nicht alles zu lesen, was ich zu schreiben vorhabe. Für zarte Seelen wird’s sogar besser sein, wenn sie die eine oder andere Seite überschlagen, die Räuber nämlich, aber ……

Vor dem französischen Zollhaus in Haiphong herrscht reges Leben. Die eben angekommenen Reisenden öffnen ihre Koffer, schnüren Bündel auf und zeigen ihre Habseligkeiten dem Beamten vor. Einige Chinesen haben selbst ihr Bett bei sich, das sie nun auf dem Boden ausbreiten müssen, damit das Au-ge des Gesetzes sehen könne, ob sich nichts Verdächtiges darin befinde. Etwas abseits von diesem bunten Durcheinander stehen wir drei Missionare und studieren das Gebaren der Leute. Wie der Beamte sich uns nähert, öffnen wir geflissentlich unsere Handtaschen – ein flüchtiger Blick, ein freundliches Nicken, die Untersuchung ist vorüber. Die großen Koffer brauchen wir nicht einmal aufmachen, da wir sie als Durchgangsgut direkt nach Yunnan schicken wollen. Wir lassen unser ganzes Gepäck ins Zollhaus schaffen, zäh-len aber noch vorher „die Häupter unserer Lieben“. Und sieh! Uns fehlt ein teures Haupt! Jetzt ist guter Rat teuer, schnelles Handeln notwendig. Einer von uns fährt sogleich mit einer Barke zur „Ming Sang“ zurück; nach einer Viertelstunde langen Wartens kommt er wieder – ohne Koffer. Ich erinnere mich eines Grundsatzes des Sittengesetzes, der mich hier hätte trösten sollen: „Res clamat at Dominum“ – auf deutsch: „Jedes verlorene Schäflein schreit nach seinem Herrn!“ Na, vorläufig hören wir noch kein solches Schreien! Darum wollen wir selbst nach unserem Eigentum suchen, das heißt die nötigen Briefe an die zuständigen Behörden in Hongkong zu schreiben. Um es hier gleich zu sagen: Unser Bemühen war nicht umsonst. Nach drei Wochen war der Koffer auf dem Wege nach Yunnan fou, und bald konnten wir auch frohes Wiedersehen feiern. –

Jetzt endlich weiter, zur Mission der spanischen Dominikaner! Wir besteigen die Rikscha, ein zweirädriges, leicht gebautes Wägelchen, das gerade groß genug ist, um einen Menschen aufzunehmen. In schnellem Tempo geht es durch die Stadt, die Eingeborenen eilen mit ihrer Last dahin, als zögen sie an einem Kinderwagen. Wir kommen auch wirklich zu früh an, denn eben wollen die Patres zum Hafen fahren und uns abholen. Ach ja, wir erfahren jetzt erst, daß Telegramme in China meist später ankommen, als die „Angemeldeten“. Tut aber gar nichts! Wir sind schon an die richtige Stelle geraten, wo echte Gastfreundschaft und Brüderlichkeit zu Hause sind. Und weil’s Deutsche sind, die seit langer Zeit hier wieder einkehren, sind sie erst recht herzlich willkommen. Wir fühlen uns denn auch gleich wie zu Hause und benehmen uns wie zu Hause. Was das heißt, wißt Ihr wohl! Frei und ungezwungen geplaudert, schwungvolle Gesten (Bewegungen) halfen über die schlimmsten französischen Sprachklippen hinweg – tüchtig zugegriffen bei Tisch, denn „Essen und Trinken hält Leib und Seel z’samm“ sagt ein altes Sprichwort. Ich füge hinzu: „Und a g’sunder Schlaf“. Der tut uns drei Missionaren heute besonders not. Darum entläßt man uns auch bald in Frieden. Bonne nuit Pere! Gute Nacht, Pater! Schlafen sie wohl! Ob je ein Wunsch leichter zu erfüllen war als dieser? …

So um die Geisterstunde höre ich zuerst ein Ächzen und Stöhnen, dann ein Poltern und Rumoren, als ob die Hölle los sei. „Ja, was ist denn los?“ Bald weiß ich es. Mein Freund A ist auf der Jagd nach Moskitos, die durch das schadhafte Netz hindurch, in seinen Bereich eingedrungen waren. „Der Gerechte muß viel leiden!“ Ich such zu trösten, gebe einige gute Ratschläge, wobei ich mich allerdings nicht des Lachens erwehren kann ob der komischen Situation. „Bonne nuit Pere!“

Welch’ Ironie des Schicksals! In der nächsten Nacht habe ich dieselbe Einquartierung, dasselbe Manöver – mit blutigem Ausgang! „Gute Nacht, Pater! Der Gerechte muß viel leiden“ – der Ungerechte noch mehr!! —

Es war uns Missionaren recht angenehm, daß wir zwei Tage bei den guten Patres bleiben konnten. Nur ein wenig verschnaufen wollten wir und die Weiterreise vorbereiten, dann gerne wieder wandern unserm Ziele entgegen! Verdenkt es mir darum nicht, wenn ich auch in meinem Berichte noch ein wenig hier verweile, Euch von der blühenden Mission erzähle und vom staunungswerten Eifer dieser Christen! Schon um vier Uhr morgens rufen täglich die Glocken zum Gebet, und jeden Tag ist die Kirche gefüllt von andächtigen Betern oder Sängern – bis zur letzten heilgen Messe um sieben Uhr. Wie in so früher Stunde schon die Glocken vom Turme schlagen, so feierlich und festesfroh, da war mir, wie einem Menschen, der heimkehrend nach langer Zeit die Glocken seiner Heimat wieder hört und wie ich eine so große Schar von Gläubigen um den Altar versammelt sah, da trat ein anderes Bild vor meine Seele. Der Abschiedsmorgen. In nun nächtlicher Stunde um drei Uhr, rief damals die Glocke zum heiligen Opfer, aus Nah und Fern kamen die Gläubigen, niemand wollte fehlen – die Kirche war gefüllt. Wie ich damals in heiliger Stunde der Heimat gedacht, so auch jetzt nach monatelanger Trennung, daß dort der Eifer und die Glaubensfreudigkeit ebenso groß sei, wie hier in dieser Christengemeinde. –

Nach kurzer Besichtigung der Missionsgebäude machten wir einen kleinen Spaziergang durch das Städtchen, dem man deutlich anmerkt, daß hier die Europäer das Szepter führen: Saubere Straßen, Sportplatz, Theater, feste Steinhäuser. Uns interessierte mehr das Leben und das Treiben der Eingeborenen, der Annamiter, die einen besonderen Volkstypus darstellen, sich von den eigentlichen Chinesen auch durch Sitten und Gebräuche, vor allem durch die Sprache sehr unterscheiden. Ein Chinese kann sich mit einem Annamiter nur durch die Schrift verständigen; die gilt für ganz China, ja, selbst für Japan. Habe ich also einmal nach vielen Schweißtropfen die chinesischen Schriftzeichen gelernt – für einen gewöhnlich Sterblichen genügen etwa 3.000 – dann kann ich mich selbst mit den Japanern verständigen. Liest mir aber beispielsweise der Japaner hernach einen Brief vor, den ich ihm geschrieben, dann verstehe ich mein „eigenes Zeug“ nicht mehr! Sonderbar! – oder kommt derlei Ding auch in Europa vor? –

Als wir auf die Straße kamen, fielen uns gleich etliche Rikschaläufer an und bestürmten uns, doch ihren Wagen zu besteigen. Wir konnten uns aber für diese großen Kinderwagen oder besser gesagt, für diese kleinen „Erwachsenen Wagen“ nicht begeistern, begriffen eben nicht diese neue Mode des Spazierengehens. Wir lehnten fröhlich ab. Und das verstanden die Rikschafahrer nicht. Die mochten noch anderes gewohnt sein, und so begleiteten wie uns mit leeren Wagen, länger als eine halbe Stunde, bittend und bettelnd, daß wir doch einsteigen möchten. Wir kümmerten uns nicht viel darum, nur wenn die Kulis uns bei einer Straßenkreuzung den Weg verstellten, pochten wir auf unsere Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker, schafften uns Platz oder wichen rechtzeitig aus. Ein angenehmes Spazierengehen war das natürlich nicht, und als wir mehrere Stunden später wieder in die Stadt mußten – wegen der leidigen Zollgeschichte – da stiegen wir willig in die Rikscha ein, wir hatten schon umgelernt! Nicht wahr, Ihr habt geglaubt, die Zollgeschichte sei längst erledigt! Wir dachten’s auch! Aber das war eine böse Täuschung! Auf einmal hieß es nämlich: „Durchgangsgut nach Yunnan ist nicht statthaft! Alle Kisten und Koffer müssen geöffnet werden! In dieser schweren Not und Bedrängnis leistete uns der gute Pater Bara, der Obere der Mission, vorzügliche Dienste. Er ließ unser Gepäck ins Hauptzollamt bringen, vor den Oberzöllner. Da merkte ich bald, wie der Wind wehte. Der Missionar und der Zöllner begrüßten sich wie zwei alte, gute Freunde, wechselten ein paar Worte – ich gab die Erklärung ab, daß wir nur persönliche Sachen haben, alles war gut. Noch ein Federstrich des „Allgewaltigen“ – jetzt hatten wir wieder freie Bahn. So sehr waren wir „in dulci jubilo“ ( im Jubel), daß wir am liebsten sofort weitergewandert wären. Aber es war schon spät am Nachmittag, die Zugverbindung schlecht, wir mußten unsere Abreise auf den nächsten Tag verschieben. „Virant sequentes“, „Ihre Nachfolger sollen uns stets willkommen sein!“ Dies waren die letzten Worte, die uns der liebe Gastgeber beim Abschiede von Haiphong sagte. Wir fanden nicht genug Worte des Dankes. Ein Pater begleitete uns zum Bahnhof und brachte dort all unsere „Reiseangelegenheiten“ in Ordnung. Wir stiegen ein, das Dampfroß pustete ein paar Mal, machte einen tiefen Schnaufer – dann eilte es mit uns fort, dem Westen zu.

Unser nächstes Ziel war Yunnanfou (Yunnan fou?), die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Dort endigt die rund 1.000 km lange Eisenbahnstrecke, von den Franzosen nach Überwindung